Velo Elsener
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© Tages-Anzeiger; 15.09.2006; Seite 61

Geld

DURCHBLICK

Veloflicker und Banker

Von Stefan Eiselin

Neulich brachte ich mein älteres und nicht besonders cooles Mountainbike zum Velohändler. Wieder einmal war es das Vorderlicht. Es wollte einfach nicht mehr strahlen. Dabei hatte ich das Fahrrad gerade erst vor zwei Monaten wegen desselben Defekts reparieren lassen. Der Mechaniker sagte: «Kein Problem» und bat mich, in drei Tagen wieder zu kommen.

Drei Tage später stand ich wieder in der dunklen Werkstatt mit dem öldurchtränkten Holzboden. Der junge Mann übergab mir das Velo und hob es vor mir elegant an, klickte den Dynamo ein und gab dann dem Vorderrad mit seinem kräftigen linken Unterarm Schwung. Das Licht funktionierte wieder. Ebenso elegant übergab er mir die Rechnung, die unter den Gepäckträger geklemmt war. Kostenpunkt der Reparatur: 59.30 Franken. «Das ist jetzt aber schon ziemlich viel», bemerkte ich. Doch der Mechaniker hatte sich bereits umgedreht und schraubte an den Speichen eines ultramodernen Bikes herum. Er tat so, als hätte er meine Kritik nicht gehört. Unerhört, dachte ich und sagte erregt: «Dann gehe ich halt in Zukunft zu einem anderen Velohändler.»

Davon liess sich der Werkstattbesitzer nun gar nicht beeindrucken. «Das ist Ihre Entscheidung. Doch in dem Fall fallen Kosten an», sagte er trocken und blickte mich schräg von der Seite an. «Kosten?», fragte ich ungläubig zurück. «Ja», sagteer, «40 Franken, die Kundenkartei-Streichungsgebühr. Wir müssen sie schliesslich aus dem Computer löschen, und das kostet Arbeitszeit.» Eigentlich fand ich das unerhört, aber noch schlimmer war der Gedanke, noch weiter Kunde dieses Halsabschneiders zu sein. Also legte ich einen Hunderter auf die Theke, sagte: «Stimmt so» und stapfte wütend aus der Tür.

Sie können das nicht glauben? Recht haben Sie, denn es ist auch alles frei erfunden. Doch ersetzen Sie mal Velohändler und Mechaniker durch Banker und Anlageberater, und es klingt nicht mehr so abwegig. In der Finanzbranche sind solche Vorkommnisse gang und gäbe. Wer ein Konto schliessen und zur Konkurrenz wechseln will, muss sehr oft eine «Saldierungsgebühr» entrichten. Oder wer Fonds von der einen zu einer anderen Bank verlegen will, dem wird eine happige «Transfergebühr» belastet.

Für die Geldinstitute ist das natürlich praktisch. Sie müssen sich so nicht über den besten Service profilieren, sondern geniessen den Schutz der Fesselgebühren. Toll. Vielleicht sollten wir vom «Tages-Anzeiger» ja auch die Abokündigungspauschale einführen . . .


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